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Da verlor
Rapunzel ihre Angst, und als er sie fragte, ob sie ihn zum Manne nehmen
wollte, und sie sah, daß er jung und schön war, so dachte sie: Der wird
mich lieber haben als die alte Frau Gotel, und sagte "Ja", und
legte ihre Hand in seine Hand. Sie sprach: "Ich will gerne mit dir
gehen, aber ich weiß nicht, wie ich herabkommen kann. Wenn du kommst, so
bring jedesmal einen Strang Seide mit, daraus will ich eine Leiter flechten,
und wenn die fertig ist, so steige ich herunter, und du nimmst mich auf dein
Pferd."

Sie
verabredeten, daß er bis dahin alle Abende zu ihr kommen sollte: Denn bei
Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel
anfing und zu ihr sagte: "Sag Sie mir doch, Frau Gotel, wie kommt es
nur, Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn,
der ist in einem Augenblick bei mir ?" "Ach du gottloses Kind
!" rief die Zauberin, "was muß ich von dir hören; ich dachte,
ich hatte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen
!" In ihrem Zorn packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie
ein paarmal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und,
ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf
der Erde. Und sie war so unbarmherzig, daß sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei
brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben mußte.
Denselben Tag aber, wo sie Rapunzel verstoßen hatte, machte abends die
Zauberin die abgeschnittenen Flechten oben am Fensterhaken fest, und als der
Königssohn kam und rief:
"Rapunzel, Rapunzel. Laß mir dein Haar herunter !"
So ließ sie die Haare hinab. Der Königssohn stieg hinauf, aber er fand
oben nicht seine liebste Rapunzel, sondern die Zauberin, die ihn mit bösen
und giftigen Blicken ansah. "Aha", rief sie höhnisch, "du
willst die Frau Liebste holen, aber der schöne Vogel sitzt nicht mehr im
Nest und singt nicht mehr, die Katze hat ihn geholt und wird dir auch noch
die Augen auskratzen Für dich ist Rapunzel verloren, du wirst sie nie
wieder erblicken !" Der Königssohn geriet außer sich vor Schmerzen,
und in der Verzweiflung sprang er den Turm herab. Das Leben brachte er davon,
aber die Dornen, in die er fiel, zerstachen ihm die Augen. Da irrte er blind
im Wald umher, aß nichts als Wurzeln und Beeren und tat nichts als jammern
und weinen über den Verlust seiner liebsten Frau.
So wanderte
er einige Jahre im Elend umher und geriet endlich in die Wüstenei wo
Rapunzel mit den Zwillingen, die sie geboren hatte, einem Knaben und einem Mädchen,
kümmerlich lebte. Er vernahm eine Stimme, und sie deuchte ihm so bekannt.
Da ging er darauf zu und wie er herankam, erkannte ihn Rapunzel und fiel ihm
um den Hals und weinte.
Zwei von
ihren Tränen aber benetzten seine Augen, da wurden sie wieder klar, und er
konnte damit sehen wie sonst.

Er führte
sie in sein Reich, wo er mit Freude empfangen ward, und sie lebten noch
lange glücklich und vergnügt.
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